Unser Gedächtnis – wie funktioniert’s?

Falsche Erinnerungen, Emotionen, die Fakten überschreiben und Sport, der uns wieder auf die Sprünge hilft – was passiert im Kopf, wenn wir uns erinnern?

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Unser Gehirn muss mit Stauraum genauso haushalten wie wir. Da ist es nicht verwunderlich, dass wir freitags nicht mehr wissen, was wir dienstags zu Mittag gegessen haben. Es ist schlichtweg nicht wichtig genug, um den Speicherplatz zu belegen.

Das biografische Gedächtnis

Unser episodisches oder biografisches Gedächtnis speichert relevante Ereignisse ab dem vierten Lebensjahr wie Perlen auf einer Kette ab. Davor können wir Erlebtes noch nicht gut in zeitlichen und räumlichen Kontext setzen. Außerdem fehlen uns so jung oft noch die sprachlichen Fähigkeiten, sozusagen der Code, um Abstrakt-Sprachliches abzuspeichern. Sie kennen das vielleicht – frühe Erinnerungen sind meist sehr visuell, aber der Kontext rundherum verschwindet.

So kann ich mich noch ganz genau erinnern, mir als Dreijährige ein Stück rohen Strudelteigs geschnappt zu haben, als meine Mama gerade kurz die Küche verlassen hatte. Der Hechtsprung unter den Couchtisch, um in Ruhe meinen Teigklumpen zu verspeisen, endete mit einer sehr schmerzhaften Beule an der Tischkante. Ich konnte mein Diebesgut also nicht mal richtig genießen. Das perfekte Beispiel für frühkindliche Erinnerungen: visuelle Reize (Arbeitsplatte von unten, überhängender Strudelteig), gepaart mit positiven Gefühlen (Kaperangriff geglückt!) und schmerzhaftem Ende (Beule am Kindskopf).

Warum erinnern wir uns falsch?

Sie sind sich sicher, dass das Auto rot war. Ihr Freund beharrt darauf, es sei blau gewesen. Einer irrt sich. Aber wieso? Das liegt daran, dass unser Gehirn Geschichten nicht immer vollständig vom Anfang bis zum Ende abspeichert, sondern bruchstückhaft – eben nur die Perlen auf der Kette. Und diese Bruchstücke lassen Platz für Interpretation. Vor allem, wenn wir von anderen einen Stups bekommen, es sei anders gewesen. Das ist besonders bei Zeugenbefragungen heikel, denn nur teilweise Gespeichertes lässt sich von außen manchmal formen und beeinflussen wie Knetmasse. Doch es gibt noch etwas, das einen erheblichen Einfluss auf unser Gedächtnis hat.

Memory Bias – wie wir Gemerktes verzerren

Voreingenommenheit oder Verzerrung bezeichnet man in der Wissenschaft als Bias. Memory Bias ist eine subjektive Verzerrung einer Erinnerung. Und diese tritt häufiger auf, als man denkt. So bewirkt zum Beispiel eine Kontext-Bias, dass wir Menschen nicht richtig zuordnen können, wenn wir sie in einem anderen Kontext als üblich antreffen. Ich arbeite für zwei Arbeitgeber. Als ich einmal einen Kollegen aus Büro A direkt vor Büro B traf, war ich so durcheinander, dass ich für etliche Sekunden nicht wusste, was gerade passiert. Mein Gehirn tat sich einfach mit der Zuordnung schwer.
Der Humor-Effekt hingegen beschreibt, dass wir uns Dinge besser merken, wenn diese in humorvoller Art vorgetragen wurden. Und einer der faszinierendsten Effekte: Mood Congruent Memory Bias. Wir erinnern uns besser an Geschehnisse, die mit der momentanen Stimmungslage übereinstimmen. Das ist eines der oft übersehenen Probleme von Menschen mit Depressionen – „gleich und gleich gesellt sich gern“ trifft hier leider auch auf momentane Stimmung und Erinnerungsfähigkeit zu.

Wie erinnern wir uns besser?

Erst kürzlich habe ich mich mit einem Freund über Erinnerungsfähigkeit unterhalten. Er meinte, er habe ein schlechtes Gedächtnis, erinnere sich kaum an gewisse Momente, die mir noch gut in Erinnerung sind. Mein Geheimnis – Fotos und Tagebuch. Seit ich Zugtickets und Theaterkarten aufhebe, an eine Kastenwand klebe und diese am Ende des Jahres gemeinsam mit meinen Lieblingsfotos in einem kleinen Jahrbuch verewige, sind Erinnerungen frischer und lebendiger.
Der Hintergrund: Unser Gehirn lernt durch Wiederholung. Und auch Erinnerungen an eine Wanderung wollen wieder hochgeholt werden, wenn sie uns erhalten bleiben sollen. Zudem hilft das tägliche Aufschreiben von Erlebtem. Auch wenn es nur zwei oder drei Sätze sind – wir rufen uns dadurch bewusst den Tag noch einmal vor Augen, reflektieren darüber und schreiben das Wichtigste auf. Außerdem wichtig: ausreichend Schlaf. Denn nur im Schlaf werden Erinnerungen von unserem Kurzzeit-USB-Stick auf die Festplatte unseres Langzeitgedächtnisses überschrieben.

Gedächtnis und Stress

Haben Sie schon einmal erlebt, dass Sie in eine stressige Situation gerieten und sich danach an so gut wie gar nichts mehr erinnern konnten? Das kann ein Unfall sein, aber genauso ein heftiger Streit oder ein Vorstellungsgespräch. Wir sind bereits kurz danach nicht mehr in der Lage, uns an Einzelheiten zu erinnern. Schuld daran ist die Amygdala. Der sogenannte Mandelkern ist das Epizentrum der Angst und feuert eifrig drauflos, wenn wir Stress ausgesetzt sind. Damit bringt sie uns in den „Fight-or-Flight-Modus“. Das wirft jedoch die Tür zum Hippocampus zu, der Erinnerungen speichert. Da können wir Achtsamkeitstraining bis zum Abwinken machen – wenn der Hippocampus Feierabend macht und das „Geschlossen“- Schild an die Tür hängt, bleibt nichts Sinnvolles hängen. Fährt die angsteinflößende Amygdala so richtig hoch, erinnern wir uns danach nur noch an Gefühle und Emotionen, nicht jedoch an Faktisches.

Mit Stressreduktion zum besseren Gedächtnis

Es zeigt sich, dass vieles von dem, was Stress reduziert, auch unser Gedächtnis unterstützt. Dazu zählen sozialer Kontakt, regelmäßiger Sport und gesunde Ernährung. Wer sportelt, unterstützt nicht nur das Herz-Kreislauf-System, sondern hilft seinem Gehirn auch, stressige Gedankenschleifen abzubauen, eine gesunde Distanz zu stressigen Erlebnissen aufzubauen und mehr ins Hier und Jetzt zu kommen. Mehr Hier und Jetzt hilft wiederum beim Konzentrieren. Wir merken uns Dinge besser, wenn wir uns vernünftig fokussieren können. Zudem verhilft Sport zu besserem Schlaf. Memory-Transfer passiert, wie bereits angesprochen, im Schlaf. Erholsamer Schlaf verringert seinerseits Stress, da dadurch die berühmt-berüchtigte Amygdala, unser Angst-Zentrum, ihre Aktivität herunterfährt. All diese positiven Effekte können Sie also herbeiführen, wenn sie regelmäßig in die Laufschuhe steigen.

Gedächtnis ist also kein einfaches Konzept, Erinnerungen sind nicht immer richtig und Stress hemmt unsere Erinnerungsfähigkeit erheblich. Also: Fotos machen und immer wieder mal anschauen, öfter mal aufschreiben, was denn so im Alltag passiert, ein wenig Sport machen und auf ausreichend Schlaf achten – dann schauen Ihre grauen Zellen gleich viel frischer aus!

UNSERE BUCHTIPPS:

  • Marc Dingman: Das Gehirn: Neueste Erkenntnisse der Neurowissenschaften über unser wichtigstes Organ und seine Macken. 2020
  • Martin Korte: Wir sind Gedächtnis: Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind. 2017

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