Sein und Schein der digitalen Nomaden

Die Welt als Büro und jede Woche woanders zu Hause – das Lebenskonzept „Digitale Nomaden“ wird immer beliebter. Doch wie traumhaft ist der Traum vom ortsunabhängigen Leben und Arbeiten wirklich?

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Mit dem Laptop am Strand oder im Pool, zwischen Palmen, Meeresrauschen, idyllischen Sonnenuntergängen, perfekten Latte Macchiatos und noch perfekteren Smoothie Bowls, immer mit einem strahlenden Lächeln im sonnengebräunten Gesicht … So oder so ähnlich stellt man sich das Leben als digitaler Nomade vor – denn so oder so ähnlich wird dieser Lebensstil auf Social Media porträtiert. Aber wie sieht das wirklich aus? Und was ist diese neuartige Spezies der digitalen Nomaden überhaupt?

Digitales Nomadentum erklärt

Im Grunde ist der Name Programm: Digitale Nomaden arbeiten ortsunabhängig über das Internet und sind daher nicht an einen bestimmten Wohn- oder Arbeitsort gebunden. Das ermöglicht es ihnen, nach Lust und Laune sowie kulturellen und klimatischen Präferenzen weiterzuziehen - von AirBnB zu AirBnB, Co-Working-Space zu Co-Working-Space und Café zu Café. Die Möglichkeiten in der Telearbeit sind mittlerweile fast so unendlich wie das Internet selbst: Von Grafikdesign über diverse Beratungstätigkeiten bis hin zur Ferndiagnose von Röntgenbildern ist alles möglich. Gearbeitet wird meist auf Freelance-Basis oder selbstständig.

Instagram vs. Reality: digitales Nomadentum erlebt

Ich selbst wurde erstmals im süßen Alter von 21 von diesem Konzept in den Bann gezogen. Damals hatte ich die Möglichkeit, im Rahmen eines ortsunabhängigen Praktikums als digitale Nomadin der Sonne, den Wellen und dem WLAN hinterherzureisen. Ein paar Monate später stellte ich fest: Nicht alles, was glitzert, ist Gold. Noch nie habe ich diesen Satz als wahrer empfunden als im Zusammenhang mit dem digitalen Nomadentum.

Aber es gibt ja generell nichts Schöneres, als eine paradiesisch klingende Vorstellung einfach mal eine Zeit lang ganz real zu erleben und dann festzustellen: Die Realität ist doch nicht ganz so perfekt wie der Schein auf Instagram (surprise, surprise!). Der Boden der Tatsachen ist immer ein bisschen hart – sogar dann, wenn es ein Sandstrand ist. Eine solche Erkenntnis tut zwar kurz weh, ist aber langfristig gesehen unglaublich wertvoll – denn sie nimmt einem die zufriedenheitshemmende Illusion, dass genau immer das besser wäre, was man gerade nicht hat. 

Selbstverständlich hat ortsunabhängiges Arbeiten zahlreiche Vorteile. Aber eben nicht nur. Und das ist in jedem Fall gut zu wissen, weil man dann besser abwägen kann, ob es immer noch so erstrebenswert ist, wie es die sonnengebräunten Gesichter auf Instagram vermuten lassen.

Pro und Contra: digitales Nomadentum auf der Waagschale

Der Vollständigkeit halber seien auch die offensichtlichen Vorteile des Lebens als digitaler Nomade genannt: die Freiheit, die Unabhängigkeit, das Sich-aussuchen-Können, wo man leben und arbeiten möchte, die (zumindest theoretisch) freie Zeiteinteilung, die es einem erlaubt, dann zu arbeiten, wenn man am produktivsten ist (oder wenn das Wetter gerade nicht zu diversen Outdoor-Aktivitäten einlädt) … Man kann der Jahreszeit entfliehen, die einem am wenigsten zusagt, kann viel mehr von der Welt sehen als in den paar Wochen Urlaub im Jahr, die einem ein Angestelltenverhältnis erlaubt. 

Dazu kommen natürlich auch etwaige steuerliche Vorteile und die Möglichkeit, mit einem „westlichen“ Verdienst in einem günstigen Land zu leben wie Gott in Frankreich (oder eben Europäer in Asien oder Südamerika, wie es unter den digitalen Nomaden üblich ist). Das ist alles großartig, keine Frage. Das ist es auch, was dieses Konzept so attraktiv erscheinen lässt. 

Was dabei aber gerne vergessen wird, ist die Kehrseite der Medaille. Denn auch, wenn es auf diversen Social-Media-Profilen so aussieht, ist das Leben als digitaler Nomade nicht nur Urlaub. Und auch, wenn man sich aussuchen kann, wann und wo man arbeitet, muss man dennoch arbeiten – und das ist oft gar nicht so einfach, wenn man kein festes Zuhause, kein stabiles WLAN und keinen geregelten Tagesablauf hat.

Reality-Check dank Homeoffice

Mittlerweile haben sich die Zeiten auch ein wenig geändert: Die meisten von uns haben eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlt, zu 100 Prozent im Homeoffice zu arbeiten. Wir wissen, was wir daran mögen und was uns das Arbeiten von zu Hause aus erschwert. Damit sind wir einer realistischen Vorstellung vom Leben als digitaler Nomade schon einen Riesenschritt näher. Denn im Grunde ist es wie immerwährendes Homeoffice – nur mit wechselnder Hintergrundkulisse. 

Ähnlich wie im Homeoffice ist meiner eigenen Erfahrung nach auch das Leben als digitaler Nomade oft sehr isoliert. Durch das ständige Weiterziehen fällt es schwer, Wurzeln zu schlagen und langfristige soziale Kontakte zu knüpfen. Auch fehlt das natürliche zwischenmenschliche Zusammensein, das ein „normaler“ Job wohl oder übel mit sich bringt. Man muss sich seine sozialen Kontakte als digitaler Nomade schon aktiv suchen – denn da passiert nicht viel, wenn man auf einem anderen Kontinent alleine vor seinem Laptop sitzt.

Balanceakt durchs Niemandsland

Für mich hat sich das Leben als digitale Nomadin immer wieder so angefühlt, als würde ich mich sozial in einem eigenartigen Niemandsland befinden, irgendwo zwischen „richtigen“ Reisenden und „normalen“ Einheimischen. Mit Backpackern & Co. ist man selten auf einer Wellenlänge, weil man eben nicht nur auf Party und Spaß aus ist und doch auch irgendwo Verantwortungen hat, denen man nachkommen möchte. Aber so richtig „local“ ist man auch nicht – dafür ist man zu exzentrisch, zu sehr Freigeist. 

Und so lebt man immer ein bisschen in seiner eigenen Welt zwischen den Stühlen, was natürlich auch wieder die Gefahr birgt, viel mehr digital als real unterwegs zu sein. Diverse einschlägige Netzwerkgruppen versuchen, das auszugleichen, und sind mittlerweile an „Hotspots“ für digitale Nomaden auch gut etabliert. Mit der weiteren Verbreitung dieses Lebensstils wird es natürlich immer einfacher – auch was Infrastruktur und Erfahrungswerte angeht. Dennoch habe ich das Gefühl, dass das Leben als digitaler Nomade ein ewiger Balanceakt ist. Aber dann wiederum: Ist das nicht irgendwie jede Form des Lebens?

Fazit: Nicht alles, was glitzert, ist Gold

Im Endeffekt kommt es wohl darauf an, das zu finden, was am besten zur eigenen Persönlichkeit und zur jeweiligen Lebensphase passt – auch hier ist Bio-Individualität angesagt und auch hier ist Veränderung die einzige Konstante. Wir verändern uns und damit auch unsere Bedürfnisse und Prioritäten. Wir sind also dazu eingeladen, unsere Lebenskonzepte und Vorstellungen immer wieder anzupassen und uns neu auszurichten. Vor allem aber dürfen wir uns in Zufriedenheit üben – unabhängig davon, wo wir gerade sind. Denn so klischeehaft es auch klingen mag, so wahr ist es auch: Nicht alles, was glitzert, ist Gold. Das gilt auch und ganz besonders für von digitalen Nomaden gepostete Instagram-Sonnenuntergänge.

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