Missverständnis introvertiert - Teil 1

Introvertiert heißt nicht automatisch schüchtern, Einzelgänger oder sozial inkompetent. Was bedeutet es dann und wie kann man sich das Leben als Introvertierter leichter machen? Antworten darauf finden Sie in diesem Artikel.

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„Ich bin superintrovertiert“. Am Gesicht meines Gegenübers steht plötzlich ein riesengroßes Fragezeichen. Wir unterhalten uns seit guten fünf Stunden wortwörtlich über Gott und die Welt, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben. Ich erzähle, was mir in den Sinn kommt, frage, was ich wissen möchte, höre mit regem Interesse zu und reagiere auf das Gesagte. Echt normal irgendwie ­– und dann behaupte ich plötzlich, introvertiert zu sein?! Das macht jetzt keinen Sinn. 

Ich schmunzle über diese offensichtliche Verwirrung. Es ist nicht das erste Mal, dass mir jemand nicht glauben will, dass ich introvertiert bin. Ich habe selbst lange nicht verstanden, was das bedeutet, und mich deshalb oft auch von anderen missverstanden gefühlt. Bis mir eines Tages in einem Uni-Seminar ein Licht aufging.

Das Aha-Erlebnis

Introvertiert oder extrovertiert ist der Klassiker unter den Persönlichkeitsmerkmalen. Von Myer-Briggs bis hin zu den Big 5 findet man diese Unterscheidung in den meisten Persönlichkeitstests und wirft auch abseits der Psychologie gerne mit diesen Begriffen um sich. Das Problem mit etwas, das so weit verbreitet ist: Man glaubt, dass man weiß, was es heißt. Man kennt diese Wörter, hat seine Assoziationen dazu. Introvertiert heißt ruhig und zurückgezogen, extrovertiert laut und selbstbewusst. So ungefähr. 

Ich war selbst jahrelang der Meinung, dass mein Introvertiertsein ein Nachteil ist. Weil ich geglaubt habe, dass ich deshalb einfach nicht so gut mit Menschen kann, nicht so gesellig, nicht so auffällig, nicht so unterhaltsam, nicht so energiegeladen bin wie „die Extrovertierten“ – die aus meiner Perspektive den Großteil der Gesellschaft ausmachten und sowieso viel besser waren.

In einem Verkaufsseminar habe ich dann erstmals eine Erklärung gehört, die dieses Minderwertigkeitsgefühl nicht verstärkt hat: Introvertierte laden ihre Batterien am besten alleine oder umgeben von wenigen vertrauten Menschen auf. Extrovertierte schöpfen Energie aus sozialer Interaktion – je mehr und diverser, desto besser. Introvertierte haben nach einem langen Tag am liebsten ihre Ruhe. Extrovertierte gehen lieber noch mit Freunden in eine Bar. Introvertierte kostet es Energie, von vielen Menschen umgeben zu sein. Extrovertierte finden es belebend. Es geht nicht so sehr darum, was man kann oder nicht kann, wie man ist oder nicht ist. Vielmehr besteht der Unterschied darin, woher man seine Energie bekommt – und wenn man das versteht, annimmt und auch praktiziert, kann man aufladen, wann und wie man es braucht, und dazwischen genauso gesellig sein, wie man es möchte.

Die Wahrheit über’s Introvertiertsein

Introvertiertsein heißt nicht, den ganzen Tag alleine in einem verdunkelten Zimmer zu sitzen und Angst vor Menschen zu haben. Introvertiert heißt nicht automatisch schüchtern, sozial inkompetent, ruhig oder unsicher. Es heißt nicht, dass ich mich nicht blendend mit jemandem unterhalten und es auch genießen kann. Es heißt einfach nur, dass ich nach dieser Unterhaltung auch wieder Zeit für mich brauche, um meine Batterien wieder aufzuladen und das Gesagte und Gehörte zu verarbeiten.

Magische Worte für Introvertierte

Wenn man sich selbst und seine Bedürfnisse nicht versteht, kann man das auch nicht von seinen Mitmenschen verlangen. Im Umkehrschluss heißt das aber: Ist man sich darüber im Klaren, wie man tickt und was man braucht, macht es das (Zusammen-)Leben um einiges einfacher. Deshalb macht es auf jeden Fall Sinn, sich mit dem eigenen Introvertiertsein auseinanderzusetzen und auch anzufreunden. Denn was einem bewusst ist, kann man kommunizieren. Und was man kommuniziert, kann auch von anderen verstanden werden. 

Zwei Statements haben sich für mich in diesem Zusammenhang als ganz besonders nützlich erwiesen:

  1. „Ich weiß nicht, ich muss erst drüber nachdenken.“ Wenn man introvertiert ist, kann es einem schwerfallen, sich in einem Gespräch eine Meinung zu bilden und diese auch in Worte zu fassen. Das passiert meistens erst im Nachhinein – wenn man in aller Ruhe darüber nachdenken kann. Sich diesen Raum zu geben, nimmt nicht nur den Stress aus der Situation, sondern führt auch zu einem besseren Endergebnis. Wir haben sehr wohl etwas zu sagen – es dauert nur ein bisschen, bis es ausformuliert ist.
     
  2. „Ich brauche jetzt mal Zeit für mich.“ Man glaubt vielleicht, dass diese Aussage auf Unverständnis stoßen könnte – vor allem dann, wenn man sie an jemanden richtet, mit dem man grundsätzlich gerne Zeit verbringt. Tatsächlich aber wird das meist besser verstanden, als man denkt – und ist auf jeden Fall auch besser, als nichts zu sagen und sich unbewusst zurückzuziehen oder durch Gereiztheit die benötigte Distanz herzustellen. Und an die Extrovertierten: Bitte nicht persönlich nehmen. Wir haben euch ja trotzdem lieb – sogar umso mehr, wenn wir zwischendurch immer wieder allein sein können.

Stichwort extrovertiert: Darauf gehen wir in einem nächsten Artikel näher ein. Denn auch für das Gegenstück zum Introvertiertsein gibt es ein paar Mythen und Missverständnisse, die wir gerne aus dem Weg räumen möchten.

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