Mehr Langeweile, bitte! Kreativitätstbooster fadisieren

Wofür Instagram und Co. gut sind? Für Zeitvertreib und ein wenig Inspiration. Wofür sie gar nicht gut sind? Für unsere Kreativität. Denn diese braucht zuallererst Langeweile. Ein Plädoyer fürs Fadisieren.

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Kennen Sie das? In der Arbeit kommen Sie bei einem Problem nicht so recht voran. Die Lösung will sich einfach nicht einstellen. Oder Sie wissen nicht, was Sie Ihrer Mama dieses Jahr zum Geburtstag schenken wollen. Und wie diese Person auf der Party hieß. Je mehr Sie darüber nachdenken, desto weniger klappt’s. Dann sitzen Sie einmal für zehn Minuten nur da, schauen aus dem Fenster (Zugfahren ist dafür großartig) oder vertreten sich die Beine und zack – ohne auch nur daran zu denken, fällt es Ihnen plötzlich ein. Die Lösung, das Geschenk, der Name. Was das auslöst? Unser assoziatives Gehirn. Oder einfacher gesagt: Langeweile.

Böses Instagram, böses Netflix?

Wenig war in den letzten Jahren so schwierig für Menschen mit Smartphones, wie sich zu langweilen. Die Omnipräsenz digitaler Medien, die vielfach zu einer Überforderung unserer Sinne führt, lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen. Kaum haben wir fünf Minuten Zeit, weil der Bus nicht kommt oder die Freundin sich verspätet, zücken wir schon unseren digitalen Begleiter und los geht die Verklebung der Synapsen. Das geht so weit, dass wir sogar abends nicht mehr abschalten (im wahrsten Sinne des Wortes), sondern vorm Bildschirm hängen bleiben, um Serien und Filme zu streamen. Nicht umsonst meint Reed Hastings, Mitbegründer von Netflix: „Unsere größten Konkurrenten sind Facebook …und Schlaf.“ Nicht nur, dass also gar keine Langeweile aufkommt; wir haben auch am Ende eines langen Tages voll Multitasking weniger Hirn-Ressourcen für kreative Tätigkeiten über. Denn das Springen von Task zu Task verbraucht viel Glukose, was wiederum der einzige Treibstoff ist, den unser Gehirn nutzen kann, um kreativ zu denken.

Die Überlebensstrategie der Lust

Warum tun wir das eigentlich? Multitasken, Serien bingen, Instagram süchteln? Weil es uns Lust verschafft. Lust am „Ah, ich bin busy und bringe was weiter“, am „Ich will wissen, wie’s weitergeht“ und am „Oh, was für ein schönes Leiberl, Lied, Hundevideo“. Verantwortlich dafür ist ein winziger Knubbel in unserer vorderen Hirnrinde, der auf den klingenden Namen Nucleus accumbens hört. Er ist das Belohnungs- oder Lustzentrum. Und er hat seine Daseinsberechtigung, denn er schlägt bei allem an, was unser Überleben garantiert: gutem Essen (allem voran Süßes, denn Zucker liefert Instant-Energie), der Ausübung von Macht und Sex. Aber – die ständige Stimulierung hat auch Schattenseiten.

Zu Tode stimuliert

Experimente zeigen: Konzentrieren wir uns zu sehr auf Lust und die Stimulierung unserer Dopamin-Rezeptoren, vergessen wir schnell auf alles andere. In einem berühmten Experiment wurden die Gehirne von Ratten so verdrahtet, dass sich die Tiere durch Betätigen von Tasten selbst Lustmomente direkt im Gehirn verschaffen konnten. Die Tiere wurden süchtig, taten nichts anderes mehr, außer zu drücken, und verhungerten, ohne es zu merken.

Das Narrenkastl – die Standardeinstellung unseres Gehirns

Sind wir auf die Maximierung des kurzfristigen Lustmoments aus, ist das also nicht immer gesund. Klar, die Ratten sind ein ziemlicher Extremfall. Aber: Wenn wir an nichts denken außer an Lustmaximierung, geben wir unserem Gehirn keine Chance, sich zu erholen. Das „Ins-Narrenkastl-Schauen“ bzw. Tagträumen ist nämlich die Standard-Einstellung unseres Gehirns, um Erlebtes zu verarbeiten, Zukünftiges zu ersinnen oder einfach mal in den Ruhemodus zu schalten, bevor es wieder stressig weitergeht. Das Narrenkastl hat also eine viel größere Bedeutung, als wir ihm gemeinhin zuschreiben. Denn das geistige Nichtstun lässt zu, dass nicht der Nucleus accumbens (Lustzentrum), sondern das sogenannte Default Mode Network (DMN) oder Ruhemodusnetzwerk aktiv wird. Doch der Name täuscht. Denn in diesem Ruhemodus spielt sich so manch spannender Film ab.

Nichts denken? Nicht möglich.

Der Name Ruhemodus ist irreführend. Denn selbst wenn wir nichts tun und augenscheinlich an nichts denken, ist unser Gehirn sehr aktiv. So aktiv, dass es uns fantastische Ideen und kreative Einfälle beschert, für die im normalen stressigen Alltag schlichtweg kein Platz ist, da wir uns ja auf andere Dinge konzentrieren sollen. Ich persönlich bin ja ein großer Fan des Bahnfahrens. Nirgends schweifen die Gedanken so schön in die Ferne wie beim Aus-dem-Fenster-Schauen im Zug. So sieht das wohl auch J. K. Rowling, der die Idee zu ihren Harry Potter-Büchern angeblich im Zug von Manchester nach London gekommen sein soll.

Vernetztes Nichts-Denken

Misst man die Gehirnaktivität beim Tagträumen, leuchten jene Areale auf, die dem Ruhemodusnetzwerk zuzuordnen sind. Dieses ist über die ganze Großhirnrinde verteilt. Es zeigt sich, dass Menschen, die sehr kreativ und assoziativ denken können (denen z. B. eine Vielzahl von Verwendungsmöglichkeiten für einen Ziegelstein, eine Coladose oder einen Radiergummi einfallen), besonders starke funktionelle Vernetzungen in diesen Bereichen aufweisen. Starke Vernetzung bedeutet im Gehirn gute Zusammenarbeit und Informationsaustausch im betroffenen Areal. Wie aber versetzen wir uns am besten in den Kreativzustand?

Die Sache mit dem Fadisieren

Sie haben sicher schon von Künstlern gehört, die in einer Schaffenskrise stecken. Denen nichts mehr einfällt, die nicht mehr so recht in den Flow finden. Das passiert uns allen mal. Vielen KünstlerInnen, Autorinnen und Autoren sowie DichterInnen ist gemein, dass sie sich bewusst zurückziehen, wenn solche Phasen auftauchen. Und dieses Zurückziehen hat immer etwas von Ruhe, ja fast Langeweile. Der Landsitz, das einsame Haus am See, die ausgedehnten Waldspaziergänge. Verbundenheit mit der Natur spielt fast immer eine Rolle. Und eben: das große Nichtstun. Je weniger wir uns mit Aufgaben beschäftigen, die bewusstes, zielgerichtetes Denken verlangen, desto eher gelangen wir in unseren Ruhemodus. Besonders angenehm wirken Spaziergänge ohne Ziel und Zeitvorgabe. Am besten gepaart mit Musik. Hier ist es besser, zu ruhiger Musik zu greifen, die auch ein wenig melancholisch sein darf. Schnelle, aggressive Musik hilft nicht so gut beim assoziativen Denken.

Alles zu seiner Zeit

Und der letzte Kreativitäts-Tipp für heute: Nehmen Sie sich (mehr) Zeit. Wenn Sie wissen, dass Sie ein kniffliges Problem lösen oder einen kreativen Task erfüllen sollen, ist Druck nicht der beste Partner. Denn es zeigt sich, dass wir sogenannte Inkubationszeit brauchen, das heißt Ruhephasen für das Gehirn, nachdem es einer herausfordernden Aufgabe ausgesetzt war. Das heißt – Briefing lesen, nachdenken, sickern lassen, Briefing weglegen, Abwasch machen oder eine Runde um den Block und erst dann wieder zurück an den Task. Ich gehöre zu jenen Menschen, die Ameisen in der Hose haben. Plagt mich ein Problem, springe ich erstmal vom Tisch auf und ziehe Kreise in der Wohnung oder im Büro. Offensichtlich, weil mein Gehirn weiß, dass am Tisch kleben zu bleiben für mich hieße, mich gedanklich im Kreis zu drehen. Danach geht’s fast jedes Mal besser.
Wenn es die Zeit erlaubt, sind sogar einige Tage auf Durchzug schalten ganz hilfreich. Denn nur das bewusste mentale Entkoppeln erlaubt uns eine neue Sichtweise. Ein wenig so wie mit dem Abstand zu emotional aufreibenden Situationen, die wir danach besser bewältigen können.

Fazit

Wer (wieder) kreativ sein will, sollte mal das Handy weglegen, sich an einen Ort begeben, wo keine Tasks und Aufgaben warten, angenehme Musik hören und sich Zeit nehmen, um sich ausgiebig zu langweilen. Nichts wirft unseren Kreativ-Motor so an wie das süße Nichtstun.
 

Weiterführende Literatur:

  • Olds, J., & Milner, P. (1954): Positive reinforcement produced by electrical stimulation of septal area and other regions of rat brain. Journal of Comparartive and Physiological Psychology, 47, 419–427
  • Jonathan Smallwood1 and Jonathan W. Schooler (2015): The Science of Mind Wandering: Empirically Navigating the Stream of Consciousness. Annual Review of Psychology, Vol. 66: 487–518

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