Authentizität: Bin ich genug ich selbst?

Authentizität wird in den letzten Jahren viel Bedeutung beigemessen. Aber was bedeutet es eigentlich, authentisch zu sein? Warum schlafen wir besser, wenn wir authentisch (re-)agieren und wieso stresst es uns, wenn wir es nicht tun? Und was hat das alles mit unseren Zielen zu tun?

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„Der wirkt so unauthentisch“, erzählt meine Freundin enttäuscht, als sie von einem Date mit einer Online-Bekanntschaft berichtet. „Beim Schreiben sagt er A und wenn ich ihn treffe plötzlich B. Der redet mir doch nur nach dem Schnabel.“ Ich weiß zwar, was sie meint, muss aber bei der Definition des Wortes Authentizität trotzdem mal scharf nachdenken. „Echtheit“ kommt mir in den Sinn und „Ehrlichkeit“. Gott sei Dank gibt es aber die Wissenschaft. Und diese beschreibt Authentizität als eine Kongruenz von bewussten und unbewussten Motiven und Zielen. Soll heißen: Passt das, was wir als persönliche Ziele vorgeben, eigentlich zu dem, wie wir wirklich gestrickt sind? Geben wir uns, wie wir sind oder geben wir uns, wie wir gesehen werden wollen oder uns gar selbst gern sehen würden?

Von ehrlichen Kindern und hehren Zielen

Die authentischsten Menschen sind wohl Kinder. Denn sie haben noch nicht gelernt, entgegen ihrer Wünsche oder Überzeugungen zu handeln. Was sie denken, sagen sie. Was sie sagen, wollen sie. Und was sie wollen, ist nicht immer das, was ihr Umfeld will, aber das hält sie nicht davon ab, es kundzutun. Und hier kommen wir zum Kern der Authentizitätsfrage: Weiß ich, was ich will? Wie passen innere Motive und nach außen getragene Ziele zusammen? Und woher kommen die eigentlich?

Unbewusste Motive und bewusste Ziele

Innere oder unbewusste Motive entsprechen dem, was unser Temperament ausmacht. Oft kennen wir diese Motive jedoch nicht. Bewusste Ziele hingegen sind jene, die wir auch verbalisieren und nach außen tragen. Unbewusste Motive und bewusste Ziele passen aber nicht immer zusammen. Das bewusste Ziel, Arzt zu werden, weil Papa und Opa schon Ärzte waren, ist weit entfernt vom unbewussten Motiv, künstlerisch und kreativ tätig zu sein.
Bewusste Ziele werden nicht selten von außen an uns herangetragen. Von der Gesellschaft, von den Eltern, von einer gefühlten moralischen Instanz. In bewussten Zielen können wir versuchen, uns an Wünsche und Erwartungen von außen anzupassen. Unsere inneren Motive können wir nicht so leicht verändern. Wohin es uns zieht, wonach unsere Seele strebt, lässt sich nicht so einfach modellieren. Und hier kann es zu echten Krisen im eigenen Selbstverständnis kommen.

Wenn innen und außen nicht zusammenpassen

Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Es benötigt einiges an Reflexion, um herauszufinden, wie wir ticken. Wenn wir gegen unsere unbewussten Motive handeln, fühlen wir uns manchmal komisch oder unwohl.

Ein Beispiel: Ein Freund berichtet immer wieder von Konflikten in der Arbeit. Diese entstehen, weil er sich übergangen oder nicht genug gehört oder in seiner Meinung geschätzt fühlt. Er versteht aber gar nicht recht, wieso ihm das so nahegeht. Er betont, wie wichtig ihm Kollaboration und gute Zusammenarbeit seien. Das sei für ihn das Größte an seiner Arbeit. Die Konflikte deuten aber daraufhin, dass Macht und Einfluss wohl ebenso einen hohen Stellenwert für ihn einnehmen dürften. Bloß ist es ihm nicht bewusst. Denn Macht und Dominanzgebaren sind etwas, das er nur naserümpfend erwähnt. Er möchte nicht so sein. Ist es aber. Und weiß es nicht. Das Ergebnis: Ein Unwohlsein, wiederkehrende Konflikte und ein tiefes Unverständnis, das auf fehlendem Bewusstsein fußt. Wie wir so etwas vermeiden können? Indem wir uns selbst nicht so leicht davonkommen lassen und die richtigen Fragen stellen.

Wie werde ich authentischer?

Es ist nicht immer einfach, sich Charakterzüge oder Wünsche einzugestehen, die nicht unserer Idealvorstellung des perfekten Ichs entsprechen. Und andererseits ist es auch wahnsinnig schwierig, einen eingeschlagenen Karriereweg zu verändern, weil die innere Überzeugung dagegen Sturm läuft.

Wenn Sie, wie der Kollege mit seiner Machtorientierung, öfter in Konflikte geraten, deren Wurzel Sie nicht zuordnen können, versuchen Sie Folgendes: Tun Sie so, als seien Sie jemand anderes. Klingt kompliziert, ist es aber nicht. Es fällt uns oft einfach leichter, Dinge auf andere zu projizieren, als sie uns selbst einzugestehen. Fragen Sie sich also: Wenn Person X so und so reagiert, welche Motive könnten dahinterstecken? Was müsste einem Menschen wichtig sein, damit ihn dieses oder jenes stört oder anzieht? Hier hilft ein Perspektivenwechsel, um sich sanft den eigenen, möglicherweise unliebsamen Motiven anzunähern. Erst die Distanz macht es erträglicher. Und das Spiegeln über andere ist immens wichtig. Bei sich ist man erst im anderen. Das wussten schon Hegel und Goethe.

Muss ich authentisch sein?

Auf diese Frage gibt es keine richtige Antwort. Die eigentliche Frage sollte lauten: Wie sehr möchte ich mit mir selbst im Reinen sein? Denn dafür ist Authentizität ausschlaggebend. Warum wir das tun sollten? Weil es kein besseres Gefühl gibt, als wenn innere Motive mit äußeren Zielen in Harmonie schwingen. Denn nur dann tun wir das, was wir wirklich wollen, machen uns und anderen nichts vor und können voll und ganz in uns, unseren Aufgaben und unserem Leben aufgehen.

Nicht umsonst stellt Maslov die Selbstentfaltung wie das i-Tüpfelchen ganz oben auf die Bedürfnispyramide. Zuerst kommen Essen, ein Dach über dem Kopf und Zugehörigkeit. Aber wer wirklich bei sich ankommen möchte, muss schlussendlich unbewusste und bewusste Ziele miteinander in Einklang bringen. Das bringt ein Gefühl von Ruhe und wirkt sich auch körperlich positiv aus: weniger empfundener Stress, besserer Schlaf, höhere Resilienz. Untersuchungen ergeben außerdem, dass große Diskrepanzen zwischen unbewussten Motiven und bewussten Zielen zu größerer psychischer Belastung und einem Anstieg an psychosomatischen Erkrankungen führen. Aber es gibt auch ein Schlupfloch. Wir dürfen nämlich gar nicht immer authentisch sein.

Über Rollen und Wahrheit

Menschen nehmen je nach Situation unterschiedliche Rollen ein. Nur weil jemand im Job tough ist und schneller in die Führungsrolle schlüpft, heißt das nicht, dass er oder sie auch daheim automatisch immer die Oberhand behalten muss. Das allein hat mit Authentizität noch nichts zu tun. Denn Motive und Ziele in der Arbeit können stark davon abweichen, was wir uns von einer Beziehung oder Freundschaft wünschen. Außerdem müssen wir uns nicht immer von unserer authentischen Seite geben. Betreten wir zum ersten Mal die Wohnung eines Freundes und der grässliche Einrichtungsstil tut richtiggehend in den Augen weh, dürfen wir uns einen dementsprechenden Kommentar ruhig verkneifen. Der Ton macht schließlich die Musik. Und Voltaire wusste schon im 18. Jahrhundert: Alles, was du sagst, soll wahr sein. Aber nicht alles, was wahr ist, sollst du sagen.

Wie wir näher an unsere eigene Wahrheit herankommen, erfahren Sie im nächsten Artikel zur Authentizität.

UNSER BUCHTIPP:

  • Erich Fromm: Authentisch leben. 2017.

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