Schäm dich!

Sozialer Kompass, furchtbares Gefühl oder Unterdrückungshilfe – was ist Scham eigentlich wirklich?

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Was steckt hinter der Schamesröte, dem zu Boden gerichteten Blick? Nicht immer scheint Scham sinnvoll, aber manchmal hilft er uns, gesellschaftliche Normen zu setzen.

Wann fühlen wir Scham?

Scham ist universell. Menschen aller Herkunft können Scham fühlen. Und so manches Hunde-Video suggeriert, dass auch Vierbeiner sich ordentlich schämen können. Allerdings kommen die Gründe, sich zu schämen, stark auf die Kultur an, in der wir leben.

Flexible Grenzen

Wenn Scham also stark kulturell geprägt ist, bedeutet das: Man kann sich auch entscheiden, sich nicht zu schämen, wenn einem die gesellschaftlichen Normen egal sind. Ein Paradebeispiel dafür war meine Oma. Ihr war es auch mit 85 noch peinlich, wenn Spinnweben in der Ecke hingen oder der Klostein schon halb weggespült war. Drama! Die Zahnprothese nach dem Essen mal ganz entspannt aus dem Mund zu nehmen und auf die Serviette zu legen, war für sie hingegen kein Problem. Während mein Vater die gesellschaftliche Norm der Tischmanieren akzeptierte und ganz grün im Gesicht wurde, polierte meine Großmutter, die sich nach 85 Lenzen nicht mehr für Normen interessierte, fröhlich ihre Beißerchen. Was eindeutig zeigt: Schamgrenzen lassen sich verschieben!

Scham als Kompass

Scham ist prinzipiell eine extrem starke soziale Emotion, die uns als soziale Lebewesen Verhaltensrichtlinien vorgibt. Hierbei gilt es zwischen Scham und Schuld zu unterscheiden. Während sich Schuldgefühle auf das Gegenüber beziehen, das wir beleidigt haben, bezieht sich Scham auf uns selbst. Es trifft uns dort, wo wir am verletzlichsten sind – in unserer Unperfektheit. Somit kann man Schuld büßen und irgendwie loswerden. Auch können wir von anderen oder von unserem Rechtssystem von Schuld freigesprochen werden. Um Scham loszuwerden, müssten sich jedoch die eigenen Einstellungen oder gesellschaftliche Normen ändern, und das ist weit schwieriger. Scham bringt uns auch aber weiter.

Scham als Entwicklungshelfer

Die größten Fortschritte in meinem eigenen Verständnis von sozialen Normen nahmen schon öfters ihren Ausgang in Scham. Ich bin nicht den hochdiplomatischen Exemplaren unserer Spezies zuzurechnen und so steige ich öfters auch mal beherzt in ein Fettnäpfchen. So geschehen, als ich kürzlich einen lieben Freund bloßgestellt habe, ohne es zu wollen. Als ich draufkam, was da eigentlich passiert war, schämte ich mich extrem. Ich hatte etwas getan, das man „einfach nicht tut“, hatte gegen eine gesellschaftliche Konvention verstoßen und fühlte mich furchtbar. Er war mir lange nicht so böse wie ich mir selbst für diesen Übertritt. Bei mir überwog also die Scham, nicht die Schuld. Was dazu führte, dass ich erst einmal in mich gehen musste, um zu ergründen: Warum habe ich das gemacht? Was macht das mit anderen? Und wieso werde ich das nie wieder machen? Ganz so, als wäre ich wieder fünf und Mama schickte mich zum Nachdenken in eine Ecke.

Wenn Scham nach hinten losgeht

Scham ist also ein sozialer Kompass, eine Methode, Menschen gesellschaftliche Normen beizubringen und nebenbei unheimlich unangenehm, wenn es uns selbst betrifft. Scham wird aber nicht nur für friedliches Zusammenleben instrumentalisiert. Scham wird ebenso als Instrument zur Unterdrückung und zur psychologischen Kriegsführung eingesetzt. Die Stigmatisierung der Menstruation, um die Frau als befleckt und schmutzig darzustellen und sie dadurch weiter zu unterdrücken, ist bis heute in zahlreichen Kulturen verankert. Vergewaltigungen, um Frauen und ihre Familien zu beschämen, ist eine uralte und scheußliche Taktik, um Überlegenheit zu demonstrieren. Um ein Machtvakuum auszunutzen. Und wo ein Machtvakuum entsteht, verschieben sich oft die normativen Grenzen. Dasselbe passiert mit Missbrauchsopfern, die durch ihre eigene Scham zum Schweigen gezwungen werden. Oder durch die Stigmatisierung von Krankheiten, wodurch Menschen keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Scham als Unterdrücker

Vor allem psychische Erkrankungen sind teilweise bis heute von einem schamvollen Tuch des Schweigens umhüllt. Dieses Tuch ist das sprichwörtliche Tabu. Darüber spricht man nicht. Dafür schämt man sich. Dabei gibt es gerade im Bereich der psychischen Erkrankungen nichts, das es nicht gibt. Kleinste Dysbalancen im Gehirn können zu gravierenden psychischen Beeinträchtigungen führen. Wer beispielsweise an Depressionen leidet, muss sich ihrer nicht schämen. Depressionen zu haben, macht uns weder zu schlechten Menschen noch zu unfähigen Faulenzern, als die sie jahrhundertelang betrachtet wurden. Depressionen sind behandelbar, sie haben eine Vielzahl von Ursachen und die Wissenschaft ist weit genug fortgeschritten, um ein für alle Mal das Stigma der Unzulänglichkeit brechen zu können. Nichtsdestotrotz – psychologische Hilfe zu suchen, wenn es einem nicht gut geht, ist für viele Menschen ein sehr herausfordernder Schritt, zumal uns Glücklichsein als Norm geradezu mantrahaft vorgebetet wird.

Tipps für Viel-Schämer

Scham spüren wir alle – aber nicht aus denselben Gründen. Wer sich häufig schämt und darunter leidet, tut seiner seelischen Gesundheit nichts Gutes. Denn kaum etwas stürzt uns in negativere Spiralen wie schambesetzte Gefühle uns selbst gegenüber. Hier ist notwendig zu hinterfragen, woher denn die Scham genau kommt. Warum schäme ich mich denn? Ist diese Situation wirklich zum Schämen? Und: Sollten und würden sich andere Menschen auch dafür schämen, wenn ihnen so etwas passiert? Wenn die Antwort auf eine der Fragen „nein“ lautet, stecken oft überhöhte Standards an sich selbst, übertriebene Selbstkritik oder auch fehlende Selbstliebe und Selbstakzeptanz dahinter. Hier zahlt es sich aus, genauer hinzusehen und herauszufinden, ob wir mehr von uns verlangen als von anderen. Ob unsere Werte mit jenen der „Gesellschaft“ übereinstimmen und welche Angst hinter der Scham steckt.

G’schamiges Fazit

Ich sag’s, wie’s ist: Wir brauchen Scham! Als Kompass, als Leitlinie, als Hilfe beim gesellschaftlichen Zusammenleben. Aber es gibt auch Grenzen. Andere Menschen absichtlich zu beschämen, um sie kleinzuhalten – so etwas sollte nirgends die Norm sein! Und wenn Sie zu den Viel-Schämern gehören, denken Sie an meine Oma. Ab einem gewissen Alter sollte man sich nicht immer über alle gesellschaftlichen Normen zu viele Gedanken machen.

UNSERE BUCHTIPPS:

  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Vom Schämen und Beschämtwerden (2008), Beltz Verlag
  • Maroa-Sibylla Lotter: Scham, Schuld, Verantwortung. Über die kulturellen Grundlagen der Moral (2012), Suhrkamp Verlag

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